Die Gebärerin einer neuen Welt
Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne …

Die Gebärerin einer neuen Welt

Es wandelte erneut die Gebärerin einer neuen Welt unter den Menschen, um ihnen die Kunde ihrer Verwandlung zu bringen. Und sie kam zu einem alten Mann, der täglich auf sein Feld hinausging, um dort seine Arbeit zu verrichten. Und ohne Umschweife sprach sie ihn an, indem sie seine am Boden kniende Gestalt mit ihren Händen ergriff und aufrichtete, damit er in seinem Tun innehielt: „Nun gehst du schon seit Jahrzehnten, Tag um Tag, in die »Schule des Lebens« und hörst und verstehst immer noch nicht die Erde, die zu dir spricht. Obwohl deine Hände sie schon unzählige Male bei der Arbeit berührt haben, nimmst du das Leben, das von ihr ausgeht, nicht wahr. Es will sich dir in einer geheimen Bildsprache offenbaren. Doch du begreifst sie nicht, weil du dein Feld wie etwas liebst, das man besitzt.“
Darauf erwiderte der Mann, dessen Rücken von den vielen Jahren der Arbeit auf dem Feld gebeugt und dessen Gesicht ganz faltig geworden war, in einem mürrischen Ton: „Warum sprichst du von meinem Feld? Was geht dich das an?“
Die Gebärerin einer neuen Welt entgegnete mit einem zärtlichen Lächeln: „Ich kenne dein Feld wie ich alle Felder der Menschen kenne … weil ich darin lebe und den Boden aller Herzen pflüge. Und so lese ich in dir wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Nimm nur die tiefen Furchen, die sich in deinem Gesicht eingegraben haben. Sie erzählen mir viel von dir. Sie gleichen den verschlungenen Wegen eines Irrgartens und sprechen davon, dass deine Seele sich verlaufen hat und nicht mehr den Weg geht, der ihr vorbestimmt war. Sie hat sich immer weiter verirrt, und ist in einem fort von einer Sackgasse zur nächsten gelaufen. Schließlich, ganz verzagt, hat sie aufgehört, sich fortzubewegen. Sie hat begonnen, auf der Stelle zu treten. Seit Jahrzehnten dreht sie sich nun schon im Kreis, ohne einen Ausweg zu finden.“
Da wandte sich der Mann mit einem Ruck von der Frau ab, wie wenn von ihr ein grelles Licht ausgehen würde, das ihm in den Augen weh tat. Die Gebärerin einer neuen Welt hielt einen Moment inne. Dann legte sie sanft ihre Hände auf seinen abgekehrten Rücken, und während sie ihre Hände langsam nach oben zu seinen Schultern gleiten und dort ruhen ließ, flüsterte sie ihm leise zu: „Ich kenne deine Last, alter Mann.“ Und dann fuhr sie mit etwas kräftigerer Stimme fort: „Nicht nur um die äußeren Beschwerlichkeiten deines Lebens weiß ich, sondern auch um deine innere Last, an der du – ahnend, dass du bald an dein Lebensende angelangt sein wirst – fast zerbrichst. Oh, mit wie vielen Vorwürfen hast du dich selbst schon seit Jahren überschüttet! Und wie viele Bände innerer Dialoge hast du in dir verfasst, die du mit dem Blut deiner Verachtung geschrieben hast! Hast du gemerkt, dass diese sich unwillkürlich auch in einer Geringschätzung äußerte, die gegen dich selbst gerichtet war? Auch bist du voller Zweifel und fragst dich manchmal in den dunklen Grotte deiner eingebildeten Einsamkeit und Verlassenheit, ob du dein Leben nicht hättest anders leben sollen. All das lastet auf dir und erdrückt dich.
Doch wisse, alter Mann, auch Umwege sind Wege, die uns voranbringen. Sei also nachsichtig mit deinen Fehltritten. Anstelle aus Angst, einen weiteren falschen Schritt zu tun oder dich noch mehr verirren zu können, stehen zu bleiben, gehe endlich weiter auf deinem Lebensweg. Setz dich in Bewegung, selbst auf die Gefahr hin, dass du erneut irrst! Nichts ist schlimmer als ewiger Stillstand. Ja, lass nicht ab davon, intensivst durch das Leben zu wandern … immer in Bewegung zu bleiben, denn dadurch verschleißen die feineren Gewänder deiner Seele wie auch das Schuhwerk deiner irdischen Verkörperung. Und durch so manche abgetragene Stellen – ganz brüchig und transparent geworden – strahlt dann das Licht deines wahren Wesens hervor. Das ist es, was dich aus dem Labyrinth des Daseins führt. Das ist es, was die Flügel der Freiheit öffnet und sie sich ganz ausbreiten lässt.“
Dann schwieg sie, doch kurz darauf fuhr sie fort zu sprechen, wie wenn noch nicht alles gesagt worden wäre: „Alter Mann, du wirst dein Stück Land erst dann wirklich schätzen lernen, wenn du es frei gibst, wenn du es als das erkennst, was es IST … wenn du erkennst, dass nicht »es« unter deinen Händen immer wieder entsteht, gedeiht und vergeht, sondern dass du es vielmehr bist, der in seiner Erde wiederholt geboren wird und stirbt. Es ist der Spiegel, in dem du dich selbst betrachten und erkennen kannst. Jedoch in gleicher Weise, wie ein trüber Spiegel keine klaren Bilder zu reflektieren vermag, so wirst du dein »Stück Land« nicht klar verstehen, solange dein äußeres Leben die Kratzer und Risse einer ununterbrochen trennenden und zerstückelnden Denkweise aufweist.
Siehe zum Beispiel die Weizenähre, die zum Zeitpunkt der Ernte ganz klar von Tod und Wiedergeburt spricht. Ganz eingetaucht ist sie in goldgelber Farbe … wie wenn das Leben ob ihrer Errungenschaft, sich selbst bemeistert zu haben, einen entsprechenden Abdruck in ihr hinterlassen und sie gekrönt hätte.
Was würde diese Ähre wohl zu den Menschen sagen, die noch tief schlafen und träumen, dass das »Dasein der Hülsen und Hüllen« das wahre Leben ist? – Nun, sie würde, von der Brise des Lebens inspiriert, die sie leicht hin und her wiegt, ganz leise wispern: ‘Ihr habt noch nicht einmal angefangen, euch auszusäen! Ihr steckt noch viel zu sehr fest in euren Verhaftungen… ihr, die ihr an den Vorstellungen eines begrenzten und endlichen Lebens festhaltet und euch andauernd an den Erscheinungen der Welt klammert. Ihr jagt diesen flackernden Lichtern hinterher, die in der Dunkelheit eures Lebens mal „mehr“ und mal „weniger“ hell leuchten. Seht ihr denn nicht, dass ihr hierbei nichts anderem als immer wieder nur vergänglichen Lichtern hinterherlauft? Selbst der Mond, der ständig zunimmt und abnimmt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nur mit einem geliehenen Licht leuchtet. Warum gebt ihr euch in einem fort mit dem „mehr“ oder „weniger“ zufrieden. Ist euer Herz noch zu klein und verschlossen, als dass es das Ganze fassen kann?
Nur ein ausgereifter Samen lebt in der Ahnung von allem … ist doch das Potential aller möglichen Formwerdung in ihm angelegt.
Wie sehr müsst ihr also noch wachsen und reif werden, bis ihr alles … und nichts anderes als allem ersehnt.’ “
Die Gebärerin einer neuen Welt hielt eine Augenblick inne und ließ sich auf einen unweit von ihr aufragenden Baumstumpf nieder, um anschließend mit einer ihrer Hände am Boden eine kleine Aushöhlung zu graben und etwas Erde davon auf ihre Handfläche zu nehmen. Dann, zum alten Mann gewandt, fuhr sie fort: „Und was würde die Ähre zu jenen Menschen sagen, die meinen, sich aus der Umklammerung ihrer Spreu bereits ganz herausgelöst zu haben? Nun, sie würde jenen, die bereits glauben, ganz frei zu sein, folgende Worte mitteilen: ‘Wisst ihr denn, was es bedeutet, sich selbst auszusäen? – Es bedeutet, den Teil von sich zu verlieren, mit dem man sich bisher so innig identifiziert hat: Die Umkapselung des Ichs.’
Ihr selbst müsst also erst sterben, damit euer wahres Selbst erwacht. Erst wenn diese Ich-Hülle der Abkapselung und Absonderung aufbricht, beginnt das innere Leben in euch zu sprießen … sich auszudehnen und zu einer Größe anzuwachsen, das ihr – noch gänzlich fokussiert auf euer kleines Ich – für völlig unglaublich halten würdet.“
Da weinte der alte Mann, weil er erkannte, dass der Zeitpunkt sich selbst auszusäen für ihn noch nicht gekommen war, vielmehr noch in weiter Ferne lag. Die Gebärerin einer neuen Welt hingegen zog ihn an ihre Brust, und während sie ihn eine ganze Weile umarmte und an sich drückte, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Ich könnte deine Tränen jederzeit trocknen. Doch wer bin ich, den gerade aus dir hervorbrechenden Fluss zum Versiegen zu bringen und ihn daran zu hindern, den Weg zu finden, der ihn mit dem Meer vereint.
Weine und folge dem Weg deiner Tränen, alter Mann. Denn sie werden alles Verhärtete und Erstarrte in dir auflösen und hinwegschwemmen. Doch erkenne auch, dass in dem Maße, wie die Tränen in dir anwachsen – das können Tränen der Traurigkeit, der Wut, der Erleichterung, des Mitgefühls usw. sein –, sie sich allmählich zu einem Rinnsal formen, der leise zu gluckern beginnt. Daher beinhalten sie die Verheißung des Erklingens von einem wahren Lachen in dir. Ja, Tränen befreien und lassen dich wieder aus vollem Herzen lachen. Und dieses Lachen wiederum beschleunigt den Weg des Wiedervereinens mit der Ganzheit des Seins.
Ich bin das Wasser aller Rinnsale, Bäche und Flüsse, die suchen … und ich bin das Wasser des unermesslichen Lebensmeeres, in das alles, was die Erfahrung der Getrenntheit macht, wieder zurückkehrt. Ich bin das Bruchstückhafte und ich bin das Ganze. Und daher bin ich immerzu bei euch … auf all euren Wegen.“


Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne …
Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne!
Bücke dich, verneige dich tiefer und betrachte aufmerksam eine Blume. Siehst du in ihrer Mitte diesen goldenen Lichtball … diese kleine Sonne?
Geh’ nun noch etwas näher heran, sei der Blume ganz nah. Kannst du den Sternenstaub von unzähligen Pollen darin sehen? – Wahrlich, du atmest gerade eine Galaxie ein, Myriaden von winzigen Sonnen!
Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne!
Setz’ dich hin und lehn’ dich an einen Baum an. Erkenne, dass hier eine wahre Begegnung stattfindet: Eine lebende Säule vermählt sich mit einer anderen lebendigen Säule!
Spüre den kraftvollen Puls des Baumes. Lass dein Herz sanft darin eindringen, küsse und im gleichen Atemzug trinke einige Tropfen seines Lebenssaftes. Dieses Heiligtum kannst du nur betreten, wenn du deine SCHUHE, ”diese lederne Haut, mit der du die Erde berührst”, an der ”Schwelle” abgestriffen und zurückgelassen hast.
Lausche der innersten Melodie des Baumes: Sie wird zu dir von seiner Sonne sprechen.
Selbst zu denen, die blind und taub sind und sagen,“Ich nehme nur Rinde und äußere Dinge wahr“, ist die Natur gütig. Sie wird immer die Hände ihrer „herumirrenden Kinder“ ergreifen. So auch in diesem Fall. Sie wird sie zu den Überresten der Bäume führen, die sie in ihrer Gier und Grausamkeit gefällt haben, um daraus ein Reich aus Trennwänden und Festungen zu errichten.
Dort, an den Baumstümpfen, wird sie ihnen das schwache und blasse Abbild einer Sonne zeigen.
Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne!
Atme tief ein und versenke dich in dein Selbst. Kannst du den pochenden Klang hören … deinen Herzschlag, die leise Stimme einer weiteren Sonne! Und doch ist es nur der rhythmische Schlag des Stabs des Dirigenten, der ein Orchester von Billionen von Zellen lenkt, die unzählige von mikroskopisch kleinen Sonnen sind. Sie weben ständig eine Sinfonie aus lebendigem Gold …
Sag’ mir, wenn Billionen dieser Sonnen in ihrem Zusammenspiel ununterbrochen Klänge erschaffen, was ist dann dein Körper? – Er ist ein Gewand aus vibrierendem Licht!
Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne!
Zögere nicht, mit aller Gewissheit zu sagen: „Ich bin eine Sonne!“ Es ist kein Sakrileg, dies zu bekunden. Es ist nur die logische Folge des Erkennens dessen, was du bist. Dieses tiefinnerliche Fühlen und Begreifen deines wahren SEINS wird dich unausweichlich dazu bringen, dein ewiges Erbe für dich zu beanspruchen.
Diese Welt hat mehr als nur eine Sonne!

Sehnsucht nach Deinem Gesang
Mein Herz spielt auf inneren Saiten, die es höher schwingen lassen.
Ich vernehme mystische Töne, erhebende Sphärenklänge, doch Dich höre ich nicht.
Wo bist Du?
Warum singst Du nicht mit mir? Warum begleitest Du nicht die Melodie meines Herzens, das im Auf und Ab seiner Sehnsucht nach Dir Klänge von zunehmender Ekstase anschlägt?
Mystische Nebel ziehen auf und nehmen mir die Sicht.
Ich ahne Deine Gegenwart.
Warum bist Du mir im Verlieren gewohnter Bezugspunkte plötzlich so nahe?
Sind die feuchten Dunstschwaden totaler Orientierungslosigkeit Deine Lippen, die mich küssen. Ist Dein Gesang ein stilles Liebkosen?
Meine Seele beginnt zu explodieren,
mein Verlangen nach Dir ist nur noch ein einziges Rasen und Aufbrausen.
Mein Corpus droht zu zerschellen an den Klippen einer stürmischen Verzückung.
Ich versinke. Ich gehe zugrunde …
… und finde Dich.
Wogen Deiner allgegenwärtige Präsenz durchfluten und umarmen mich.
Da ist nur noch pure Liebe, die alles erfüllt … und die sogar die Atome der physischen Dichte zum Tanzen bringt. Wie könnte ich jetzt je an Dir zweifeln?
Du hast nie aufgehört nach mir zu rufen. Das ist Dein ewiger Gesang.

Die seltene Blume der Liebe
Ich habe alles außer Liebe.
Manche sagen, es ist genug …
Aber nicht für mich,
ich kann es nicht akzeptieren,
ein Bettler in seinem eigenen Königreich zu sein.
Was sind all diese vergänglichen Reichtümer,
die ich im Laufe der Zeit angesammelt habe,
ohne diese unbezahlbare Perle der Liebe?
Sie ist in der Tat ein außergewöhnlicher Schatz,
den nur wenige finden.
Wo ist dieses Herz aller Herzen?
Dieses Licht aller Lichter?
Ich bin wirklich arm ohne die Liebe.
Ich sehne mich nach dieser seltenen Blume.
Ich brauche diesen smaragdgrünen Kelch,
der immer überquillt
vor Güte und Liebe.
Oh, wie zärtlich und schön,
ist das Herz, das voller Mitgefühl ist!
Wo wächst sie denn,
diese seltene Blume der Liebe?
Wahrscheinlich in einer kostbaren Erde,
die Jahrtausende von Jahre bearbeitet wurde.
Sicherlich bedarf es vieler Akte der Selbstaufopferung,
und es muss viel darin gegraben werden,
um alles zu pulverisieren,
was daran noch hart und grob ist.
Braucht es nicht Äonen,
um diesen erhabenen Boden zu kultivieren?
Nur das, was ganz und gar verfeinert wurde,
kann zu dem aufgelockerten und sublimen Boden werden,
in dem der Same der Liebe aufgehen und erblühen kann.
Um ein Gefäß der Liebe zu sein,
muss ich mich ganz häuten,
– wie eine Schlange, deren Haut zu eng ist –,
von allem, was hart und begrenzend in mir ist.
Ich muss mich von mir selbst befreien.
Wie viele Häute muss ich tragen und abstreifen,
Wie oft muss ich meine Erde durchpflügen,
bis mein Herz offen und weit genug ist,
um diese seltene Blume der Liebe zu empfangen …?

Die Urklänge M und R

MaRia (sie wird häufig in blauen Gewändern dargestellt) ist das blaue MeeR, der unermessliche Lebensozean. Sie ist MèRe (französisch = Mutter), aber auch MeR, die Liebe (von altägyptisch mr =
), womit wohl ursprünglich eine »mütterliche Liebe« gemeint war. Zudem hat diese Hieroglyphe – sie stellt eine Gartenhacke dar – auch die Bedeutung von “den Erdboden bearbeiten”, sie erinnert uns somit an die Aufgabe, die wir in unseren Inkarnationen zu vollbringen haben, nämlich unermüdlich unseren »Lebensacker« zu bearbeiten. In der arabischen Sprache ist damit wahrscheinlich das Wort marr (
) verwandt, das “Schaufel bzw. Spaten” bedeutet. Das arabische Wort marr bedeutet zudem auch “Durchgang, Durchfahrt, Durchquerung”, was ein Hinweis darauf ist, dass wir uns auf unserer »Durchfahrt durch das Leben« durch mehrere Schichten der Illusion hindurchgraben müssen, ehe wir mit der »Quelle des Lebens« in Berührung kommen.
Weitere arabische Begriffe, die sich aus den Konsonanten M und R bilden lassen, sind die Wörter maraʼa (
= Frau) und mirʼāh (
= Spiegel). Sie passen von der Bedeutung her gut in den Kontext des bisher Gesagten. MaRia steht zudem in einer gewissen Beziehung zu MaRa, der buddhistischen Verkörperung von Tod und Endlichkeit. Letztere bindet uns an den Kreislauf der Wiedergeburten. Das muss jedoch nicht zwangsläufig etwas Negatives sein. Wenn wir uns bewusst machen, dass Zeit und Raum benötigt werden, um verschiedene Ebenen der Erfahrung entstehen zu lassen, wird schnell deutlich, dass wir nur in einer Welt der Vielheit unterschiedliche Erfahrungen sammeln können.
Wenn wir diese Wörter in ihre Konsonanten zerlegen und deren Bedeutung ergründen, stoßen wir auf die zwei Prinzipien, die in der Schöpfung allgegenwärtig sind. Die Rede ist von der WELTENMUTTER und dem GÖTTLICHEN KIND.
Die den Worten zugrundeliegenden Klänge enthüllen die »weibliche Seite des Göttlichen« (M) und das Lichtprinzip, das »göttliche Kind« (R), welches in der stets liebevollen Umarmung der »universellen Mutter« gehalten wird.
Um detailliert darauf einzugehen: Der Buchstabe M steht in vielen Tradionen für das Wasser, für das Weibliche, für das Mütterliche, für die Weltenmutter, für die MATERie (von lateinisch MATER = Mutter). Kurz, er symbolisiert die kosmische Matrix, aus der alle Bewusstseins- und Lebensformen hervorgehen.
Als Beispiel wäre hier die ägyptische Hieroglyphe für „Wasser“ zu nennen (
), die mu ausgesprochen wird und aus drei parallelen Wellen besteht. Der hebräische Buchstabe Mem (מֵם), er entspricht dem Laut M, hat die Bedeutung von “Wasser”, genauer gesagt stellt er eine Zusammenziehung des hebräischen Wortes Mayim (מַיִם) dar, was “Wasser” bedeutet. Der Sanskrit-Laut mā (
) wird unter anderem mit “Mutter”, “Licht, Wissen” und “Fessel, Bindung” übersetzt. Das chinesische Wort mǔ (
) hat die Bedeutung von “Mutter”, “Frau”, “weiblich”. Diese wenigen Beispiele dürften genügen, um das oben Gesagte zu verdeutlichen.
Der Buchstabe R hingegen steht für die »göttlichen Funken«, die »Lichtsamen«, die in der MATERie ausgesät werden, um sich darin zu entfalten. Auch in anderen Sprachen beschreibt der Laut R etwas Strahlendes, Lichtvolles und Erhabenes: Im Altägptischen haben wir den Sonnengott Ra. Im Hebräischen gibt es das Wort or bzw. aur (
), was »Licht« bedeutet. Die französische Sprache hat die Wörter or (= Gold) und roi (= König). Rei, die erste Silbe des japanischen Begriffs Reiki hat die Bedeutung von »Geist, Seele, Gott«. Die Sanskritwurzel ra (
) wird hauptsächlich mit »Helligkeit, Licht, Glanz, Gold, Feuer« übersetzt.
Zuammengefasst lässt sich also sagen: Die aus den Konsonanten M und R zusammengesetzten Wörter versinnbildlichen die MUTTER (die MATERie) und die unzähligen »LICHTSAMEN«, die sie in sich trägt, um ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Umgekehrt tragen diese »göttlichen Funken« – in dem Maße wie sie wachsen und wie die Erinnerung um ihren wahren Ursprung in ihnen erwacht –, zunehmend zur Vergeistigung der MATERie bei.
Wir sehen also: Ausnahmslos jeder und jede Einzelne von uns ist ein »LICHTSAMEN«, der im Schoß der MATERie (der göttlichen MUTTER) heranreift! Wir alle befinden uns auf einer Reise in Zeit und Raum, die uns innerlich und äußerlich wachsen lässt, und an derem Ende das Erwachen steht.
Ist es nicht schön und tröstlich zu wissen, dass wir, bei allem, was geschieht, in Wirklichkeit von der WELTENMUTTER immerzu liebkost und behütet sind?

Ganz gleich, welche verschlungenen Wege wir in unseren zahlreichen Leben einschlagen oder welche dunklen Täler wir durchwandern mögen, wir werden stets von IHR geführt. Unsere allgegenwärtige MUTTER lässt uns genau die Erfahrungen zukommen, die wir im Moment brauchen. Alle Erfahrungen – die angenehmen wie auch die unangenehmen – zielen darauf ab, uns voranzubringen!