Wenn sich jemand von dir endgültig verabschiedet oder dir »die Tür zeigt«, dann betrachte das nicht als einen Verlust, sondern begreife das vielmehr als eine Einladung, eine weitere Begrenzung zurückzulassen. Der Raum, über den hinauszuschreiten du aufgefordert wirst – das kann ein physischer Ort, ein Beziehungsraum oder ein inneres Gedankengebäude wie beispielsweise ein Glaube, eine Überzeugung oder eine Ansicht sein – ist nicht dein wahrer Halt.
Auch wenn du dort zeitweise Geborgenheit und Sicherheit gefunden hast, ist das nicht die »unerschütterliche Heimat«, nach der du schon so lange suchst. Die Tatsache, dass das, woran du festhältst, ins Wanken gerät oder dir plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, zeigt dir das ganz deutlich.
Betrachte das, was hier passiert, also mit einem klaren Blick: Vor dir eröffnet sich der Ausgang zu einer umfassenden Freiheit!
Aus den Ritzen der liebgewonnenen Mauern, die erschüttert werden – und gewiss, auf den ersten Blick scheint das eine Tragödie zu sein – , atmet etwas zutiefst Heiliges und dringt zu dir vor. Hast du die Klarheit, ES wahrzunehmen? ES will dich an dein wahres Sein erinnern.
Oft sind wir so sehr damit beschäftigt, das zu betrauern, was uns genommen wird, dass wir das Geschenk, das sich uns hier darbietet, nicht erkennen.
Lass los! Lass alles zurück, was dich bindet. Öffne dich der Freiheit, die sich vor dir auftut.
Doch täusche dich nicht. Du gehst in Wirklichkeit nicht weg. Dein Weggehen ist in Wirkllichkeit nur ein »WEG-gehen«. Du fließt mitten hinein in das TAO. Du lebst und bewegst dich im TAO. Du erkennst, dass du nicht einen Moment aufgehört hast, in diesem Urgrund aller Dinge zu wandeln. Selbst dein Verbarrikadieren hinter Mauern irriger Sicherheiten, selbst deine Suche nach neuen Formen endlicher Geborgenheit haben im TAO stattgefunden. Du hast es nur nicht gewusst.
Alles, was dich umgibt, alles, was du bist, ist von etwas Unaussprechlichem durchdrungen.
Bloß DAS ist! Totalität! Todloses Sein! Das ungeteilte EINE!
Im selben Moment wird dir bewusst, dass kein Wort an diese Wirklichkeit heranreichen kann, ganz gleich, welche Ausdrücke wir auch verwenden mögen, um ansatzweise darüber zu sprechen oder darauf zu verweisen.
Wir haben zuvor die tiefere Bedeutung von einem »WEG-gehen« angesprochen. Umgekehrt kann es sein, dass du gebeten wirst, wieder »zurückzukehren«, um über deine Erfahrungen zu sprechen. Betrachte das nicht als einen Schritt zurück. Ein »Zurückkehren« existiert nur in deinem Denken, in Wirklichkeit ist das nicht möglich. Denn der Ort, den du verlassen hast – und sei es auch nur für einen Tag – existiert nicht mehr. Der Boden ist nicht mehr derselbe, das Gras ist ein kleines Stück gewachsen, im Staub wühlen bereits andere Mikroben und selbst die Luft, die du atmest, ist eine andere. Sogar die Atome der Körper, die bei der erneuten Begegnung von dir und deinem Gegenüber zusammenfinden, tanzen bereits einen anderen Tanz. Alles hat sich verändert, auch wenn uns das – angesichts der mentalen Konzepte und Vorstellungen, die wir der Gegenwart immer wieder überstülpen – oft nicht bewusst ist.
Wer begegnet hier wem? Wo findet das Zusammentreffen statt? Und wer erzählt hier wem von dem, was undenkbar und unaussprechlich ist?
Ist die Antwort auf all diese Fragen nicht ein und dieselbe? – Das Leben.
Sind es nicht die Klänge einer sich immer wieder neu erfindenden Melodie des Lebens, die sich in Zeit und Raum begegnen, miteinander verweben und sich gegenseitig die unzähligen Facetten der LIEBE enthüllen?
Hinter dem Lärm der Welt erklingt auf ewig die Melodie der LIEBE.
Wenn wir ganz still werden, d. h. alles, was in uns fragmentiert und trennt, zur Ruhe kommen lassen, werden wir sie wieder vernehmen. Und so unglaublich es klingen mag: Diese immens sanfte und einfache Beschaffenheit der LIEBE – sie drängt sich nicht auf, sie ist völlig unspektakulär, sie ist so unscheinbar, dass sie häufig von der Welt übersehen und übertönt wird – birgt eine enorme Kraft in sich. Sie vermag alle Grenzen zu sprengen. Ja, diese alldurchdringende und alldurchwaltende Liebesmelodie spricht von einer »umfassenden Freiheit«.
Sie weiß um die wertvollen Lektionen der Wege und Mühen, die wir tagtäglich auf uns nehmen. Aus ihrer Sicht jedoch ist es nicht nötig, unzählige Wege zu beschreiten oder Tausende von Kilometern zurückzulegen, um diese »umfassende Freiheit« zu finden.
Im Grunde bedarf es nur einer geringfügigen Regung, einer kleinen Bewegung, die wir in unserem Innersten zu vollziehen haben:
Es geht darum, das Herz zu öffnen.
Diese so winzige Aktion, so winzig, das sie ganz unbedeutend erscheinen mag, ist paradoxerweise von immenser Tragweite. Sie verhilft uns, das Leben mit einem ganz neuen Blick zu betrachten.
Hier beginnt eine wahre Transformation. Allein das Ruhen in der Mitte – in dieser unbeschreiblichen Stille – aus der ein regelrechter »Herzensblick« hervorgeht, setzt eine grundlegende Wandlung in Gang.
Wie eine Knospe, die sich von Innen öffnet, erblüht das HERZ hinter dem Herzen.