Für uns alle kommt irgendwann einmal der Moment, in dem wir eine »abgrundtiefe, dunkle Nacht« erleben. Sie erstreckt sich auf alle Lebensbereiche: Weder in unserem Inneren noch irgendwo im Äußeren scheint es dann etwas zu geben, das uns Halt, Geborgenheit, Freude, Erfüllung, Licht usw. geben kann.
In dieser »großen Dunkelheit der Seele« erkennen wir mit einem Mal, dass da nichts – tatsächlich nichts in der Welt ist – das uns wirklich »ganz machen« könnte. Alle Dinge, alle Errungenschaften und alle Erlebnisse – einschließlich der schönen und beglückenden Momente – werden als veränderlich, unbeständig und vergänglich erkannt!
In dieser »großen Dunkelheit« wird der Seele schockartig bewusst, dass sämtliche Wege, die sie im Labyrinth von Zeit und Raum bisher beschritten hat, und alle Orte darin, an denen sie sich niedergelassen hat, immer wieder nur von »Mauern und Einfassungen« umgeben waren. Nichts, wohin sie sich auch wendet und bewegt – nach rechts, nach links, vorwärts oder zurück – scheint ein Ausweg daraus zu sein. Überall stößt sie nur auf »Orte, die von Einhegungen umsäumt sind«.
Was will das besagen? – Nun, dass wir uns hier im Grunde fortlaufend auf »begrenzte Erfahrungen« einlassen! Wir verleugnen hier die totale Freiheit, diese strahlende Flamme, die in jedem Wesen aufleuchten will.
Doch wie viele Menschen sind sich dessen bewusst? Die meisten arrangieren sich mit dem Labyrinth, in dem sie leben. Sie irren darin umher, resignieren irgendwann und lassen sich schließlich irgendwo nieder, womit sie sich halbwegs anfreunden können: mit einer »schönen Lichtung«, mit einer besonders »großen Parzelle«, mit einer »eindrucksvollen Anhöhe« usw. usf.
Doch auf diese Weise verbleiben sie im Labyrinth! Sie fahren fort, innerhalb von Begrenzungen zu leben. Das Labyrinth von Zeit und Raum ein für alle Mal zu verlassen, ist etwas ganz anderes!
Doch wie heißt es so schön: Wo die Dunkelheit am größten ist, da strahlt auch das LICHT am hellsten. In der »größten Dunkelheit«, in dieser »tiefen Krise der Seele«, wo diese mit Schrecken feststellt, dass da nichts mehr in der Welt ist, das ihr wirklich etwas geben könnte, findet die Geburt von etwas Unermesslichem statt.
Hier sind wir dem LICHT einer Erleuchtung ganz nahe, hier eröffnet sich uns eine Gelegenheit zum Erwachen …
Anders gesagt: Wenn wir diese »alles-erschütternde Erfahrung« durchleben … wenn wir uns in diesem geheimnisvollen »dunklen Geburtskanal« befinden, der uns ausnahmslos alle Erfahrungen in Zeit und Raum als bedingt, endlich und beschränkt erkennen lässt, steht das Erwachen zu unserem »wahren Sein« kurz bevor.
Die Phasen, in denen uns alles in der Welt dunkel und düster vorkommt, sind somit lediglich die »Vorwehen« eines Erwachens! Die umfassende Auswegslosigkeit, die wir hier wahrnehmen, bewirkt, dass wir »gänzlich innehalten«. Aufgrund der tiefen Einsicht, dass jede Richtung, die wir hier einschlagen, uns zu weiteren »Erfahrungen der Begrenztheit« führt bzw. uns damit identifizieren lässt, bleiben wir »komplett stehen«. Wir lassen alles los: all die vielen Gedankengebäude, die ichbezogenen Pläne und die zahllosen anderen Projekte. Da sie allesamt von der Zeit genährt und getragen sind, können sie nicht anders als endlich und begrenzt sein. Wir begreifen jetzt, dass wir ihnen durch unser rastloses Denken und unser besitzergreifendes Handeln Energie zugeführt und ihnen somit Fortdauer gegeben haben. Doch all das verblüht und verwelkt, da es nicht länger mehr von uns belebt wird. Auch die unzähligen mentalen Rekonstruktionen, die wir uns vom Leben gemacht und im Kopf zurechtgelegt haben – Konzepte, Klassifizierungen, Etiketten, Zuschreibungen etc. – um es besser kontrollieren zu können, lösen sich auf. Eine wahre Ruhe stellt sich ein. Und das – diese totale Stille – ist der Auslöser einer enormen Transformation, die uns mit dem Grenzenlosem in Berührung bringt.
Es kann jedoch auch sein, dass wir nicht vollständig zum Stillstand kommen. Es ist möglich, dass die »erlebte Dunkelheit» für uns so bedrückend und unerträglich wird, dass sie uns dazu bringt, weiter in Zeit und Raum umherzuirren, mit der Folge, dass wir uns von weiteren »endlichen Erfahrungen« betören lassen. Doch auch das ist nicht weiter tragisch. Es ist lediglich ein Zeichen dafür, dass wir noch nicht ganz »von der Welt gesättigt« sind und dass wir uns noch durch einige Erfahrungen »hindurchbeißen« müssen, um zu verstehen, dass auch diese nicht der »unerschütterliche Halt« sind, den wir darin vermutet haben.
Wir können versichert sein: Ein wahres LICHT leuchtet auf, wenn wir alles in der Welt der Relativität und Bedingtheit – d. h. ausnahmslos jede Erscheinung, jedes Drama, jede Maske, jede Rolle etc., wovon wir einst glaubten und träumten, dass sie uns Größe, Macht, Fülle, Sicherheit, Liebe etc. geben könnten – als vergänglich und begrenzt durchschauen.
Dieses LICHT bewirkt, dass wir die Welt mit einem »ganz neuen Blick« wahrnehmen. Es ist ein Blick, durch den wir alles, was sich um uns herum befindet und um uns herum geschieht, mit einer immensen LIEBE und GÜTE betrachten. Wir können nicht anders, als in allem etwas Umfassendes und Alldurchwaltendes zu erkennen. Wir sehen nicht länger mehr nur separate Gebilde und Gestalten in der Welt. Ja, wir sehen nicht mehr nur die physische Dichte und die grobstofflichen Dinge darin, die in gewisser Weise Myriaden von »zu Eis erstarrten Formen« ähneln … und die endlich zu sein und getrennt voneinander zu existieren scheinen.
Vielmehr gewahren wir überall das »WASSER DES LEBENS«, in dem alles badet und aus dem alle Dinge der Welt und alle Lebensformen hervorgegangen sind.